So schön geschrieben

von Roman Held

An diesem Morgen müssen wir den Deutschunterricht im Flüchtlingsheim unterbrechen. Ich schaue in einen Raum voll mit aufgeregten linken Gesichtshälften. Hinter den Fenstern fällt Schnee. Für viele der Neuen der erste Schnee ihres Lebens, für die anderen der erste, der liegenbleibt. Ich versuche eine Viertelstunde lang mit spannenden Konjugationen gegen das Schneetreiben anzukämpfen, doch als das erste Kind vor der Fensterfront jauchzend durch die Flocken stürmt, bricht der Raum in etwas aus, das an Bilder vom Stiertreiben in Pamplona erinnert.

Fünf Minuten später schlittern zwanzig Erwachsene in Flipflops und Turnschuhen über den Parkplatz, kratzen matschigen Schnee von Autodächern und Treppenstufen und es herrscht Krieg, Eriträer gegen Syrer, Irak gegen Iran, Lehrerinnen im Ruhestand, Passanten und Hausmeister gegen Kindersoldaten, verwitwete Familienväter und das Postauto.

Zehn Minuten später gibt es Tee und warmen Orangensaft vor der Heizung und wir konjugieren wieder. Ich friere. Du frierst. Er/Sie/Es friert. Wir lachen. Ihr lernt. Sie gehören jetzt dazu.

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